aktuellProgramm

„Rembrandt war ein großer Erzähler“

Interview mit Anne Buschhoff, Leiterin der Graphischen Sammlung

Dr. Anne Buschhoff ist seit diesem Jahr Leiterin der Graphischen Sammlung im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud und steigt sofort mit Rembrandt ein. Ab Donnerstag, den 3. Oktober 2019 ist ihre die Ausstellung „Rembrandts graphische Welt. Experiment. Wettstreit. Virtuosität“ zu sehen. Annes Elan und ihrer Begeisterung ist es zu verdanken, dass es sich bei dieser Präsentation nicht um eine reine „Einstimmungsschau“ vor der großen Sonderausstellung handelt, sondern um ein weiteres Highlight im Museumskalender.

Iris Haist: Vielen Dank für deine Zeit.

Anne Buschhoff: Sehr gern. Ich freue mich darüber, unser Publikum schon mal etwas auf den großen Rembrandt-Herbst und -Winter einstimmen zu dürfen, dessen Auftakt ja im Graphischen Kabinett stattfinden wird.

I.H.: Obwohl Rembrandt ein großartiger Maler war, lässt sich sein Œuvre nicht ohne seine Radierungen denken. Was genau fasziniert dich an Rembrandts Graphiken am meisten?

A.B.: Zunächst einmal ist es seine Radierkunst als solche. Rembrandt gilt bis heute als unübertroffen in dieser Drucktechnik, in der er fast sein ganzes Leben lang parallel zur Malerei gearbeitet hat. Das ist allein schon deswegen bemerkenswert, weil er im Gegensatz zur Malerei keine Ausbildung in der druckgraphischen Technik erfahren hatte. Er hat seine Fähigkeiten in der Radierung verblüffend schnell entfaltet und konnte ihr bis dahin ungekannte Qualitäten abgewinnen. Seine insgesamt über 300 Radierungen in diesem Medium haben ebenso zu seiner Berühmtheit beigetragen wie seine Malerei und seinen Namen in ganz Europa verbreitet.
Das Faszinierende an ihnen ist für mich, wie virtuos sein technisches und sein erzählerisches Können hier zusammengehen. Rembrandt schilderte seine Themen ungewöhnlich lebensnah, mit einem besonderen psychologischen Einfühlungsvermögen. Biblische Geschichten etwa beschrieb er in berührender Menschlichkeit. Dabei verlegte er seine Sujets in atmosphärische Stimmungsräume, die von raffiniert gesetzten Hell-Dunkel-Effekten leben. Da wechseln Partien, in denen er nur sparsam Linien stach und das Weiß des Papiers als Lichtträger bewusst stehen ließ, mit solchen Partien, in denen er feinteilige Liniennetze ätzte und eine große Palette an Tonwerten erzielte. Über das Spiel mit Hell und Dunkel hat er seinen Bildräumen Tiefe verliehen, auch im geistigen Sinn, denn das Licht ist bei ihm immer auch ein Bedeutungslicht. Rembrandt war ein meisterhafter Regisseur des Lichts.

I.H.: Du zeigst uns Rembrandt nicht nur als Erfinder neuer Bildformen, sondern auch als Rezipienten. Was werden wir aus dieser Ausstellung lernen?

A.B.: Rembrandt hat sehr bewusst Bildthemen gewählt, an denen sich zuvor bereits große Künstler abgearbeitet hatten. Druckgraphiken von Albrecht Dürer etwa, Lucas van Leyden oder Jacques Callot hat Rembrandt auch selbst gesammelt. Er liebte es, sich in einen künstlerischen Wettstreit zu begeben und mit Vorbildern zu wetteifern, wie es damals auch die Kunsttheorie empfahl. Wir werden in der Ausstellung des Graphischen Kabinetts ein paar Gegenüberstellungen realisieren und damit spannende Bildvergleiche anbieten, mit denen sich die Besucher*innen selbst von Rembrandts herausragender Erzählkunst überzeugen können.

I.H.: Wird es einen inhaltlichen Bezug zwischen „Rembrandts graphische Welt. Experiment. Wettstreit. Virtuosität“ und „Inside Rembrandt • 1606-1669“ geben, der über die Identität des Künstlers hinausgeht?

A.B.: Ja, denn dank einiger Leihgaben können wir Radierungen, die das Wallraf nur einmal besitzt, in beiden Ausstellungen zeigen –  in unterschiedlichen inhaltlichen Kontexten, so dass diese Brückenschläge besonderen Reiz gewinnen können.

I.H.: Gestatte uns einen kleinen Spoiler: Welches der ausgestellten Blätter ist dein Liebling?

A.B.: Das ist die bisher mit Abstand schwierigste Frage (lacht). Aber zu meinen Favoriten zählt auf jeden Fall die Radierung „Die drei Bäume“ von 1643, eines der wohl auch berühmtesten Blätter des Meisters. Die titelgebenden Bäume bestimmen eine imposante holländische Landschaft, die Weite atmet und ein lebendiges Wolkenschauspiel liefert. Offensichtlich zieht schlechtes Wetter auf. Rembrandt hat die Atmosphäre dieses großen Landschaftsraums mit langen Kaltnadelstrichen und kurvigen Grabstichellinien beeindruckend kühn festgehalten. Darüber hinaus hat er kleine Erzählmomente eingestreut, die zum Teil erst erkennbar werden, wenn man nah an das Blatt herantritt: Da etwa steht beziehungsweise sitzt ein Anglerpaar am Fluss, ein Liebespaar sitzt an der Böschung und am rechten Blattrand zeichnet ein Mann im Gras. Diesen kleinen Zeichner mag ich besonders gern. Bemerkenswerterweise schaut er nicht auf den Landschaftsausschnitt, der sich uns als Betrachter*in bietet, sondern richtet den Blick in die andere Richtung zur Sonne. Damit führt er uns letztlich aus dem eigentlichen Bildgeschehen hinaus in die eigene Phantasie, denn wir fangen automatisch an, Rembrandts Landschaft weiterzudenken.

I.H.: Vielen Dank für diesen interessanten und persönlichen Einblick in Rembrandts graphische Welt!

Die Ausstellung „Rembrandts graphische Welt. Experiment. Wettstreit. Virtuosität“ wird am Mittwoch, den 2. Oktober mit einem öffentlichen Vortrag von der Kuratorin Dr. Anne Buschhoff im Rahmen der Vortragsreihe KunstBewusst der Freunde des Wallraf-Richartz-Museum und des Museum Ludwig e.V. eröffnet.

Mehr Informationen finden Sie unter:

https://www.wallraf.museum/ausstellungen/aktuell/2019-10-04-rembrandts-graphische-welt/eroeffnungsvortrag/


Bild: (Ausschnitt) Rembrandt Harmensz. van Rijn Selbstporträt mit flacher Kappe und bestickter Kleidung, um 1642 Radierung, Graphische Sammlung, Wallraf-Richartz-Museum

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.